Immer vulgärer wird unsere Sprache

Zu SchnurrerSchnurrer
aus Venlo
sagte am 09.01.2020 um 10:58

[center]
dreamies.de[/center]


[b]Die Liebe
der Deutschen für fäkale Schimpfwörter bröckelt: Besonders junge Großstädter
benutzen immer mehr sexualisierte Schmähwörter wie "***" oder
"*** dich". Der südwestdeutsche Raum bildet dabei eine spezielle
Ausnahme. [/b]


Wenn
Amerikaner, Engländer, Russen, Franzosen, Spanier, Italiener oder auch
Holländer jemanden beschimpfen, wird es schnell sexuell. Deutsche und
Österreicher haben in ihrer Sprache dagegen eher Fäkales im Angebot. Es handelt
sich um einen jahrhundertealten Sonderweg in Mitteleuropa mit einer gewissen
Vorliebe für Exkremente und Ausscheidungen. Während es zum Beispiel auf
Englisch "*** off" heißt, sagen Deutschsprachige traditionell "Verpiss
dich". Der englische Ausruf "***!" entspricht auf Deutsch
"Scheiße!".





Politik
19.06.19


Bestrafen statt nur löschen Hasskommentare im Netz sollen stärker
verfolgt werden


Die
Globalisierung macht aber auch vor dem Wortschatz nicht Halt. Jüngere Deutsche
schimpften inzwischen sexualisierter als ältere, meint der
Sprachwissenschaftler André Meinunger in Berlin. Er arbeitet am Leibniz-Zentrum
Allgemeine Sprachwissenschaft und sagt: "Deutsche fluchen eigentlich sehr
fäkal, während Amerikaner und Engländer, aber auch Italiener eher sexuelle
Schimpfwörter haben. Doch da gibt es in den letzten Jahren einen Wandel und das
Deutsche passt sich an. Also die Nutzung des Wortes '***' zum Beispiel hat
sich stark ausgebreitet."


So werde
heute auch mal eher gesagt, jemand sei "ge***t" statt
"ge***t". Oder aber es heißt "Du Schwanz" statt "Du
***". Das war auch erst vor ein paar Monaten in einem Internet-Video mit
dem Rapper Fler zu sehen, der nach einer Polizeikontrolle Beamte beschimpfte.


"***loch" wenigstens gendermäßig neutral


Üblicher
geworden sind auch neben traditionellen Tierschimpfwörtern (Sau, Esel, Kuh)
Begriffe wie "Du Opfer", "Du Lauch" und ganz derbe Wörter
wie "***fehler" (ursprünglich ungewolltes Kind, inzwischen allgemein
für Idiot) sowie der Ausruf "*** dich" (also das englische
"*** you" übersetzt).


Im
Italienischen ist es recht üblich, jemanden mit "Cazzo" (Schwanz) zu
beschimpfen, im Französischen heißt es oft "putain" (***) und es
wird ausgehend von einem Wort für die *** geschimpft ("con",
"conne", "connasse"), was inzwischen aber als Begriff ein
Eigenleben entwickelt hat. Das Deutsche kennt zwar auch die "***"
als äußerst derbe Beleidigung, üblicher ist jedoch gerade in älteren
Generationen das gute alte "***loch", das gendermäßig - also
geschlechtlich - wenigstens neutral ist.


[b]"Viele Einflüsse kommen aus der
Jugendkultur"[/b]





Panorama 05.01.14


Englische Wörter, die keine sind "Lieber
ein halber Ami als ein ganzer Nazi"


Eingehende
Malediktologie (Schimpfwortforschung) gibt es in Deutschland kaum, wie
Meinunger sagt. "Welcher Forscher will sich schon damit rühmen, Experte
fürs Fluchen zu sein?" Doch eigentlich handelt es sich um den spannendsten
Bereich der Sprache. Viele, die eine Fremdsprache lernen, sind neugierig auf
die Schimpfwörter, Beleidigungen, auf das sexuelle Vokabular, aufs Explizite.


"Sprache
ist im Fluss, viele Einflüsse kommen aus der Jugendkultur, in den letzten
Jahren zum Beispiel oft und vielfach aus dem Hip-Hop", sagt Meinunger.
Durch Hip-Hopper mit Migrationshintergrund werde die deutsche Sprache in einem
gewissen Sinne bereichert, darunter Begriffe wie "Babo" (Chef) oder
"Chaya" (Tussi). "Wir leben hier zusammen mit Menschen, die
mehrsprachig sind, und übernehmen auch die Slangs von ihnen."


Junge Leute
schauten zudem öfter (amerikanische und britische) Filme und Serien im
Originalton, was ebenfalls einen Beitrag dazu leisten dürfte, dass es bei Wut
und Zorn anders aus ihnen herausbricht als noch bei ihren Eltern oder
Großeltern.


[b]Frauenfeindlicher Untergrund beim Beschimpfen in
anderen Sprachen[/b]


Der
emeritierte Sprachforscher Hans-Martin Gauger in Freiburg gehört zu den
wenigen, die sich mit Beschimpfung, Diffamierung, Schmähung und Verunglimpfung
ausgiebig wissenschaftlich beschäftigt haben. Er veröffentlichte vor gut sieben
Jahren das Buch "Das Feuchte und das Schmutzige: Kleine Linguistik der
vulgären Sprache".





Politik
24.01.19


Liebe
"Lesende" Hannover führt gendergerechte Sprache ein


Gauger gibt
zu bedenken, dass die Schimpfwörterveränderung im Deutschen langsam und auch
nicht überall passiere. Er sehe sie vor allem in Großstädten, etwa in Berlin,
im Ruhrgebiet, in Frankfurt und Hamburg, wo junge Deutsche viel eher mit
Nicht-Deutschen Tür an Tür lebten. Der Fachbegriff für diesen Vorgang laute
"Adstratwirkung", damit ist der wechselseitige sprachlich-kulturelle
Einfluss gemeint.


Beim
sexuellen Schimpfen in anderen Sprachen sieht Gauger meist einen
frauenfeindlichen Untergrund. Das Weibliche sei fast immer negativ konnotiert.
Beim Schimpfen kultivierten viele Sprachen "männliche
Abgebrühtseinsfantasien". Auch da sei das Deutsche lange Zeit einen
Sonderweg gegangen. Jemandes Mutter oder Schwester herabzusetzen, um damit den
Mann bei seiner Ehre zu packen, sei in Deutschland und Österreich
beispielsweise unüblich. Das sei aber im Türkischen oder Italienischen zum
Beispiel normal und sickere nun ein bisschen ein.


Was das
Sexuelle im Deutschen beim Schimpfen angeht, nennt Gauger außerdem eine
Ausnahme: den südwestdeutschen Raum des Schwäbisch-Alemannischen. Dort ist der
*** als Frotzelei gebräuchlich. Laut Gauger geht er ursprünglich auf die
Bezeichnung für das männliche Glied zurück. Für hochdeutsche Ohren klingt das
aber eher niedlich als nach Beschimpfung: "Säckel" oder
"Seggl".







Arme Jugend!
Traurig aber wahr
Schreibe jetzt eine Antwort!