endlich ein guter Mann der Tönnis Paroli bietet!

Zu SchnurrerSchnurrer
aus Venlo
sagte am 18.07.2020 um 20:49

[b]"Kann mich selbst
ver***en." Gestatten, Tönnies' mächtigster Gegner [/b]


Von Benjamin Konietzny





Karl-Josef
Laumann: "Habe immer besonders die Leute gemocht, die es nicht so einfach
hatten."


(Foto:
picture alliance/dpa)





[b]Wenn es um
den Skandal-Schlachter Tönnies geht, packt NRW-Gesundheitsminister Laumann die
Wut. Er hat sich die Fleischindustrie vorgeknöpft - und das könnte für die
Unternehmen unbequem werden. Ein Porträt eines Politiker-Typus, der immer
seltener wird.[/b]


Der Minister
hat einfach keinen Bock. "Ich hab keinen Bock, dass ich Herrn Tönnies oder
den Subunternehmen irgendwas überweise", poltert Karl-Josef Laumann. Der
Fleischkonzern hatte angedeutet, eine Erstattung von Lohnkosten vom Land zu
fordern - wegen des Lockdowns. Der NRW-Gesundheitsminister ist stinksauer und
kündigt an, "dass alles so geprüft wird, dass möglichst kein Geld fließt.
Da können Sie Gift drauf nehmen." So redet NRW-Gesundheitsminister Laumann
nicht hinter vorgehaltener Hand, sondern vor laufender Kamera. Und er gibt sich
gar nicht erst die Mühe, dabei seinen münsterländischen Dialekt zu vertuschen.
Laumann hat den Fleischkonzern auf dem Kieker. Und das könnte für Tönnies noch
richtig ungemütlich werden. Warum, das zeigt ein Blick in den Werdegang des
Ministers.


Aufgewachsen
ist Laumann in Birgte, einer Ortschaft im Münsterland, in der es etwas mehr als
ein Dutzend Gebäude gibt - inklusive Scheunen. Als er zur Welt kommt, ist diese
Gegend eine Welt, wie man sie sich heute kaum noch vorstellen kann -
erzkonservativ und streng katholisch. In dem Landkreis liegt die Zentrumspartei
damals bei 20 Prozent. Es existieren noch eigenartige Bräuche; etwa, dass eine
Braut eine "befleckte" Hochzeit nur mit Strohkranz und braunem Kleid
feiern darf - statt in weiß und mit Krone. Und über die "Metropole"
der Region, die heute lebendige Studentenstadt Münster, schreibt 1958 ein
Jura-Student im Semesterspiegel: "Das auffallendste Kennzeichen dieser
Stadt ist, dass rein gar nichts los ist. Ein Nirwana auf Erden. Ade,
Lebensfreunde." Der Beitrag genießt heute in Münster einen gewissen
Kult-Status. Das Münsterland in den 50er- und 60er-Jahren war eine andere Welt.





Politik
16.07.20


Gütersloh-Landrat
im Interview Warum darf Tönnies wieder schlachten?


Laumann
gehörte nicht zu der Elite, die es sich erlauben konnte, aus dieser Welt
auszubrechen: Hauptschulabschluss, Lehre zum Maschinenschlosser in einer Firma
für Landmaschinen, 1974 Eintritt in die CDU. Als er 1990 zum ersten Mal für die
Partei in den Bonner Bundestag einzieht, lassen sich die Arbeiter in seiner
Fraktion an zwei Händen abzählen. Auf 17 Jahre Werkbank folgen 15 Jahre
Abgeordnetensitz. Als er 2005 die Fraktion für seinen ersten Ministerposten
verlässt, haben außer ihm noch zwei andere Parlamentarier bei der Union einen
Arbeiterhintergrund. Auch deshalb nennen sie ihn in der Partei manchmal den
"Blaumann der CDU". Berührungsängste mit "einfachen Leuten"
sind ihm fremd. Bei Terminen im Münsterland kommt er rein, klopft auf den Tisch
und legt los. Der Mann bewegt sich in Gummistiefeln auf einem Acker sicherer
als im Anzug auf den Teppichen der feinen Berliner Polit-Gesellschaft.
Vielleicht mögen ihn viele im Münsterland deswegen lieber als den ehrgeizigen
Jens Spahn, der aus demselben Landkreis kommt.


[b]"Ein junger Säufer, der nichts geleistet
hat"[/b]


Für seine
Partei ist Laumann aber nicht nur wegen seines bodenständigen Werdegangs wie
eine personifizierte Erinnerung daran, dass eigentlich die CDU einmal die
Partei der "kleinen Leute" war. Er ist es vor allem wegen seiner
inhaltlichen Arbeit. Kurz nach seinem Eintritt in die Partei engagierte sich
Laumann auch für die Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft (CDA), die
sich als "soziales Gewissen" der Partei versteht. Es ist so etwas wie
der "linke Parteiflügel", der seit seiner Gründung nach dem Krieg
viel an Bedeutung verloren hat. Das änderte sich, als Laumann 2005
CDA-Vorsitzender wurde und gleichzeitig in Düsseldorf Arbeits- und
Sozialminister unter Ministerpräsident Jürgen Rüttgers.


Nachdem die
CDU auf ihrem Parteitag 2003 in Leipzig einen radikalen Systemwechsel in der
Sozialpolitik vollzog und sich einen neoliberalen Anstrich verpasste, gab es
ausgerechnet aus der schwarz-gelben Landesregierung bemerkenswerte Vorstöße.
Rüttgers und sein Arbeitsminister Laumann starteten plötzlich sozialpolitische
Projekte, wollten Teile des Hartz-Systems korrigieren, dass die SPD kurz zuvor
eingeführt hatte. Rüttgers bezeichnete den Parteitag in Leipzig als
"Lebenslüge" der Partei. Laumann wollte erreichen, dass es für ältere
Menschen mehr und länger Arbeitslosengeld gibt. Seine Argumentation von damals
zeigt, dass der bollerige Westfale seine Rhetorik nicht groß verändert hat.
"Das Prinzip, dass jemand, der lange Beitrag gezahlt hat, auch längere
Zeit das Arbeitslosengeld I bezieht als ein junger Säufer, der nichts geleistet
hat, ist richtig und sozial", sagte er damals. Laumann kämpfte für die
Opel-Belegschaft in Bochum. Rüttgers forderte eine Rückbesinnung auf die
Soziale Marktwirtschaft. Die beiden trieben die CDU in eine völlig andere
Richtung als in Leipzig beschlossen.


Im Rest der
CDU wurde das Treiben des erstaunlichen Gespanns in Düsseldorf nicht nur mit
Wohlwollen beobachtet. Im Gegenteil: Es gab starke Widerstände gegen die
Abweichler aus NRW. Aber Karl-Josef Laumann hatte sein wirkliches Großprojekt
erst noch vor sich.


Vor dem
Parteitag 2011 begannen er und seine CDA mit der Arbeit. Wochenlang tingelte er
durch die Kreisverbände und versuchte die Partei für ein Projekt zu begeistern,
das nicht wenige damals noch als "Sozen-Spinnerei" bezeichnet hätten
- den Mindestlohn. Seine Beliebtheit bei den Gewerkschaften wuchs parallel mit
dem Entsetzen bei der Wirtschaft und den mächtigen Arbeitgeberverbänden. Noch
während des Parteitages warnte Wirtschaftspolitiker Josef Schlarmann: "40
Prozent plus sind Geschichte!" Doch Laumann hatte die Delegierten bereits
überzeugt. Ausgerechnet in Leipzig, wo seine Partei acht Jahre zuvor
neoliberaler werden wollte, beschloss sie die Einführung eines - damals noch in
der Höhe verhandelbaren - Mindestlohns. Dass sich seine Partei in diese
Richtung bewegt hat, ist vor allem sein Verdienst. Die "Zeit" verlieh
ihm damals den Titel "Mindestlohn-Flüsterer".


Danach war
erstmal Schluss mit Exekutive. Schwarz-Gelb wurde in NRW 2010 abgewählt.
Laumann setzte sich knapp gegen Armin Laschet im Rennen um den Fraktionsvorsitz
im Landtag durch und blieb dort bis 2013. Danach holte ihn Bundeskanzlerin
Angela Merkel als Pflegebeauftragten der Bundesregierung nach Berlin.
Maschinenschlosser Laumann wurde als erster Spitzenbeamter in der Geschichte
der Bundesrepublik nur mit einem Hauptschulabschluss zum Staatssekretär
vereidigt. "Weil ich immer besonders die Leute gemocht habe, die es nicht
so einfach hatten", begründete er damals seinen Wechsel auf den wenig
öffentlichkeitswirksamen Posten.


"Dieses System ist schlecht"


Als Laschet
2017 NRW-Ministerpräsident wurde, lag es nahe, dass er Laumann zurückholen
würde, auch wenn die beiden nach dem Ende von Schwarz-Gelb in NRW eine kurze
Rivalität um den Fraktionsvorsitz hatten. Typen wie er sind Gold wert für eine
Volkspartei, das weiß Laschet. Und Laumann scheint sich bereits das nächste
sozialpolitische Großprojekt gesucht zu haben: die Arbeitsbedingungen in der
Fleischindustrie zu ändern. Die Corona-Krise gibt ihm dabei zusätzlichen
Rückenwind.


Vorgeknöpft
hat sich der NRW-Minister das undurchsichtige Geflecht aus Leiharbeit und
Subunternehmen in der Branche schon vor der Pandemie. Im Hinblick auf
Unternehmen wie Tönnies sagte er vergangenen Sommer, dort dürfe "Würde,
Recht und Gesetz nicht mit Füßen getreten werden" und kündigte neuartige
Kontrollen an. Seine Aktion "Faire Arbeit in der Fleischindustrie"
deckte massenhaft Verstöße auf - Sicherheitsmängel, unwürdige Unterkünfte,
unberechtigte Lohnabzüge.


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