Wie geht es den Älteren?

Zu schweinewilli01schweinewilli01
119 aus gehört mir nicht
sagte am 16.11.2020 um 12:26

Wer älter als 60 Jahre ist, zählt zur Corona-Risikogruppe und ist
besonders zu schützen. Doch »die Älteren« sind ziemlich unterschiedlich.
Darauf wird zu wenig Rücksicht genommen.



Wenn es dich erwischt, könntest du ein paar Tage später tot sein,
denkt der eine. Du bist 75 Jahre alt, einer von fünf in deinem Alter,
die sich mit dem Coronavirus
anstecken, stirbt an den Folgen, denkt die andere. Und man kann sich
rasch infizieren: Die Enkelkinder, die Bekannten, die Verkäuferin im
Supermarkt – alle können den Erreger übertragen. Andererseits willst du
ja auch deine Familie und Freunde sehen, statt ständig allein
rumzuhocken, überlegt der Nächste. Bist ja schließlich noch fit. Ein
Dilemma.



Das Coronavirus Sars-CoV-2
ist unter anderem für ältere Menschen besonders gefährlich. Gemeint
sind damit offiziell alle ab 60 Jahren, erst recht jene mit
Vorerkrankungen. Sie sollen während der Pandemie besonders Acht geben,
weil Covid-19 sie öfter hart trifft.
So wird ihnen empfohlen, soziale Kontakte soweit möglich zu reduzieren,
sogar zu Gleichaltrigen. Großeltern sollen jeden unmittelbaren Kontakt
zu Enkelkindern meiden und sie möglichst nicht betreuen. Auch
Arztbesuche – außer es gibt Beschwerden –, Einkäufe, Sportkurse sind
möglichst zu unterlassen. Viele halten sich daran, viele Ältere
verbringen seit Beginn der Pandemie deutlich weniger Zeit als zuvor mit
ihren Liebsten. Das zeigt unter anderem eine im Fachmagazin »Journal of Gerontology« erschienene Studie.

Die aktuellen Einschränkungen und Abstandsregeln sowie die Maskenpflicht an diversen Orten tragen ebenfalls dazu bei, dass sich möglichst wenig Menschen treffen. Ausgerechnet im Alter aber, das ist schon lange bekannt,
sind soziale Kontakte enorm wichtig und lebensverlängernd. Das macht
die grundsätzlich sinnvollen Schutzmaßnahmen in manchen Fällen selbst zu
einem Gesundheitsrisiko.

Wie geht es älteren Menschen in der Coronakrise?
Welchen Unterschied macht es, ob jemand eben in Rente gegangen und
körperlich fit ist oder die Person bereits in Pflege ist? Und was lässt
sich künftig tun, um den Alltag der Älteren möglichst sicher und
zugleich möglichst frei zu gestalten? Erste Antworten aus der Forschung
sind überraschend.







Viele Ältere reagieren vergleichsweise gelassener auf die Ausnahmesituation
Eine der größten Untersuchungen zum Thema weltweit ist die NAKO Gesundheitsstudie.
Für die Befragung hatten Forscherinnen und Forscher im Mai mit mehr als
113 000 Deutschen im Alter von 20 bis 69 Kontakt. Sie wollten von den
Teilnehmern wissen, wie sich die Pandemie und die Kontaktbeschränkungen
im Frühjahr auf deren Psyche und Befinden ausgewirkt haben. Ein
Ergebnis, das zu erwarten war: Alle fühlten sich deutlich gestresster
als zuvor.

Auffällig ist jedoch, dass laut dieser Studie die über
60-Jährigen verglichen mit den Jüngeren nur bedingt weniger Angst hatten
und seltener von depressiven Symptomen berichteten. Ausgerechnet die
Älteren, die vermeintlich Schwächeren und Gefährdeteren, scheinen
widerstandsfähiger zu sein.


»Wenn man sich einmal Gedanken über das Sterben und seine
Unausweichlichkeit gemacht hat, kann das in solchen Situationen eine
gewisse Gelassenheit geben«(Frieder Lang, Gerontopsychologe)


Weil sich Menschen mit steigendem Alter eher mit der Fragilität des
Lebens auseinandersetzten als in jungen Jahren, könnten sie besser mit
der Situation zurechtkommen, sagt der Gerontopsychologe Frieder Lang am
Institut für Psychogerontologie der Universität Erlangen-Nürnberg, der
mit seinem Team ebenfalls zu dem Thema forscht. »Wenn man sich einmal
Gedanken über das Sterben und seine Unausweichlichkeit gemacht hat, kann
das in solchen Situationen eine gewisse Gelassenheit geben«, sagt er.
Für viele Jüngere hingegen sei die existenzielle Bedrohung durch die
Pandemie eine völlig neue Erfahrung. Das Coronavirus löse entsprechend
größere Ängste aus.

»Außerdem haben ältere Menschen eine größere
Lebenserfahrung. Das relativiert den Blick auf die Dinge«, sagt Lang.
»Wenn man grundlegende Umbrüche wie etwa eine neue Währung durchstanden
hat, dann erschüttert manchen eine Pandemie nicht bis aufs Mark.«

Das Alter als alleiniger Faktor sagt wenig aus
Doch
ob ältere Menschen in der Pandemie insgesamt psychisch stabiler sind
als jüngere, lässt sich laut Eva-Marie Kessler nicht pauschal sagen.
Denn »die Älteren« gebe es nicht wirklich, dazu sei die Gruppe von
Menschen über 60 in sich viel zu unterschiedlich: »Es gibt solche, die
fitter sind als mancher 40-Jährige, und solche, die in Pflegeheimen
untergebracht sind. Manche haben eine große Familie, bei anderen sind
fast alle Freunde und Verwandte verstorben«, erklärt die Professorin für
Gerontopsychologie an der Hochschule für Gesundheit und Medizin in
Berlin.

Hinzu komme, dass an Studien zu dem Thema meistens
Menschen über 65 teilnehmen, die körperlich und psychisch fit sind. »Das
verzerrt die Ergebnisse«, sagt Kessler. Wer für alle das Beste will,
müsste jeden einzelnen älteren Mensch individuell betrachten: »Wohnt er
oder sie allein, mit dem Partner oder der Partnerin, in einem
Pflegeheim? Wie stark leidet sie oder er unter Einsamkeit, wie sieht es mit den sozialen Kontakten aus?«, sagt Kessler.Aussagekräftiger könnten deshalb Ergebnisse sein, die nicht nur auf das
Alter abzielen, sondern die zu untersuchende Gruppe genauer definieren.
Das haben zum Beispiel die Psychologin Isabelle Albert von der
Universität Luxembourg und ihre Kollegen versucht, indem sie speziell
die psychische Situation von Bewohnern von Pflegeheimen in Luxemburg
untersuchten. Dabei konnte sie eine deutliche Verschlechterung der
Situation feststellen: Während vor der Covid-19-Pandemie nur vier
Prozent der Bewohner angaben, unzufrieden mit ihren Leben zu sein, stieg die Zahl der Unzufriedenen in den ersten Monaten der Pandemie auf 29 Prozent.
»Das klingt erst einmal alarmierend, und das ist es zum Teil auch. Aber
man kann es auch andersrum sehen: Selbst während der Pandemie waren
noch weit mehr als zwei Drittel der Bewohnerinnen und Bewohner von
Pflegeheimen mit ihrem Leben zufrieden«, sagt Albert.

Wer sich wegen des Alters diskriminiert fühlt, ist unzufriedener
Woran
liegt es, dass manche Pflegeheim-Bewohner trotz Pandemie zufrieden
sind, andere aber unglücklicher werden? Zwei Dinge sorgen für
Stabilität, wie Albert herausfand: Erstens das soziale Netz und zweitens
mit den Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie einverstanden zu sein,
etwa die erneute Schließung von Restaurants, Bars und Theatern. »Zu
wissen, dass man nicht allein ist mit seinem Leid, dass es eine
Bedrohung von außen gibt, die alle Menschen betrifft – das lässt
vermutlich ausgerechnet bei manchen älteren Menschen eine Art
Gemeinschaftsgefühl mit allen anderen entstehen«, sagt Albert.





Unzufriedener
wiederum waren laut Albert jene, die sich wegen ihres Alters
diskriminiert fühlten. Eine Beobachtung, die andere Forscherinnen
bestätigen. »Unter den 611 von uns befragten älteren Menschen haben
ungefähr 20 Prozent Altersdiskriminierung erlebt. Mehr
Altersdiskriminierung ging einher mit einer geringer eingeschätzten
Gesundheit und Lebenszufriedenheit«, hat etwa die Verhaltensforscherin
Anna Kornadt von der Universität Luxemburg auf der jährlichen Konferenz
der Gerontological Society of America berichtet.

Wer überlegt, Ältere künftig nur noch zu gewissen Zeiten einkaufen zu
lassen, allein über 65-Jährigen den Gang ins Theater zu verwehren oder
Ähnliches, sollte das bedenken. Denn »die älteren Menschen würden
plötzlich gesondert behandelt und ein Stück weit ausgeschlossen. Das
könnte für sie enorm kräftezehrend sein«, sagt Albert.

Schon jetzt
gaben in einer Befragung 79 Prozent der Teilnehmerinnen und Teilnehmer
an, ihr Sozialleben habe sich wegen Covid-19 verschlechtert. Was sich
auf das Gemüt auswirkt. Dass die Ressourcen schwinden, legt auch eine Studie der US-amerikanischen Kaiser Family Foundation nahe.
Zwischen März und Juli fragte das Team zu vier verschiedenen
Zeitpunkten erwachsene US-Amerikaner, darunter viele Ältere: »Haben
Sorgen oder Stress wegen der Coronakrise einen negativen Einfluss auf
Ihre psychische Gesundheit?« Im März beantworteten diese Frage
27 Prozent der Befragten mit »Ja«. Im Juli waren es schon 47 Prozent.

Einsamkeit ist keine Krankheit, doch für viele eine Belastung
Erschwerend kommt hinzu, dass sich ältere Menschen öfter einsam fühlen. Unfreiwillig allein zu sein, gilt seit Jahren als einer der größten Belastungsfaktoren für die psychische Gesundheit.

Das kann auch Elke Schilling bestätigen, die Initiatorin von Silbernetz,
das eine Hotline für Alte anbietet. »Das Thema Einsamkeit ist während
der Pandemie noch bedeutsamer geworden«, sagt Schilling. Auffällig sei,
dass die Zahl der anrufenden Männer sich verdreifacht hat. »Die Pandemie
hat hier womöglich die Schwelle gesenkt, darüber zu sprechen.« Auch die
Zahl der Anrufer über 85 Jahren habe zugenommen.

Schilling
erinnert sich an ein Gespräch, in dem ein Anrufer in einem Satz auf den
Punkt gebracht hat, was bei sehr vielen Gesprächen anklang: »Wissen Sie,
wenn ich zu wählen habe zwischen Tod durch Einsamkeit oder Corona –
dann nehme ich Corona, das geht schneller.«

Für die Psychologin
Isabella Heuser, Direktorin der Klinik für Psychologische Medizin an der
Charité Berlin, illustrieren solch anekdotische Befunde die Ergebnisse
zahlreicher Studien: »Der richtige Weg, um ältere Menschen gut durch die
Pandemie zu bringen, ist nicht, sie abzuschotten, sondern ihre
selbstbestimmte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben so groß wie möglich
zu halten.« Es müsse weiter Tageskliniken sowie medizinische Angebote
geben, und es gelte, einen möglichst geschützten öffentliche Raum zu
schaffen. Heißt: Masken tragen, Abstand wahren.

Schnelltests für mehr Begegnungen
Das vielleicht größte Potenzial, die Lebensqualität wieder zu bessern, bergen Schnelltests. Sie sind Teil der erweiterten nationalen Teststrategie, die am 15. Oktober 2020 in Kraft getreten ist.
Einige dieser Untersuchungen klären binnen 15 Minuten, ob eine Person
den Erreger in sich trägt und somit womöglich ansteckend ist. »In
einzelnen Pflegeheimen kann sich das Personal bereits nach dem
Wochenende testen, bevor es das Pflegeheim betritt«, erzählt Heuser. Das
sei aber nur eine Möglichkeit, um sichere Treffen zu ermöglichen: »Man
könnte auch diejenigen Bewohner, die zum Beispiel über das Wochenende zu
ihren Verwandten wollen, bei der Rückkehr testen und ihnen so die
Freiheit geben, das Heim auf eigenes Risiko zu verlassen«, sagt sie
weiter.

Doch Tests allein reichen nicht. Schon deshalb, weil in
den nächsten Monate bei Weitem nicht genügend Schnelltests zur Verfügung
stehen dürften, um jedem für jede Begegnung mit dem Vater oder der Oma
die nötige Sicherheit zu geben.

Sollten die Infektionszahlen zudem weiter steigen, sind weitere
Kontaktbeschränkungen denkbar. »Umso wichtiger ist es, ältere Menschen
digital fit zu machen«, sagt Heuser. Chat und Video ersetzen zwar keine
persönliche Begegnung, »aber sie helfen im Alltag ein Stück weit«, sagt
Heuser. Einer Studie zufolge halten 78 Prozent der Befragten Kontakt zu ihren Lieben über das Internet.

Wem
das für die Feiertage zu wenig ist, kann nur eins tun: sich fünf bis
sieben Tage vorher zum Wohle der eigenen Familie stark einzuschränken,
sich bestenfalls in Quarantäne zu begeben, um das Ansteckungsrisiko
deutlich zu reduzieren.

Quelle:


Christian Heinrich

arbeitet als Journalist unter anderem für »Die Zeit«, »GEO«, die »Süddeutsche Zeitung« und »Spektrum.de«.


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