Trink ma noch ein Tröpfchen

Zu schweinewilli01schweinewilli01
120 aus gehört mir nicht
sagte am 08.02.2021 um 12:54

Es begann mit
den Quarantinis, den Quarantäne-Cocktails. Das Coronavirus war noch
neu, die Maßnahmen zu seiner Einschränkung auch. Statt zum
Feierabendbier traf man sich zum Wochenabschluss im Videochat, mit einem
Gin-Getränk in der Hand. In dieser historischen Lage würde man doch
wohl nachmittags schon mit etwas Härterem anstoßen dürfen. Am Abend dann
der nächste Drink in virtueller Gesellschaft, denn auch Freundinnen und
Freunde sah man plötzlich nur noch auf dem Laptopbildschirm. Alkohol half dabei, aus der unbeholfenen virtuellen Angelegenheit eine lockere Runde zu machen.











Dann kam der Sommer. Wir tranken Bier am See, Aperol Spritz im Park, Wein auf dem Balkon. Im November, als der Lockdown
light als Wellenbrecher scheiterte, wurden Wein und Spritz einfach
erwärmt, die Orangenscheibe begleitet von Anisstern und Zimtstange, und
zum Mitnehmen auf die Spaziergänge in zunehmender Kälte verkauft.


Wenn ich früher mit
Freundinnen und Bekannten trank, war der Alkohol Begleiter ausgelassener
Abende und guter Gespräche. Im Pandemiejahr wurde er plötzlich selbst
zum Thema, über das wir sprachen: Ist es zu früh für einen Quarantini?
Wer holt Bier zum Spazierengehen? Wollen wir mal über Zoom ein paar
Weine verkosten? Früher war Alkohol eine Begleiterscheinung, jetzt wurde
er selbst zum Event, zugleich Anlass und Schmiermittel der übrig
gebliebenen sozialen Interaktion. Ein Glas Wein als Tageshighlight, auf
das man hinarbeitet. Der Alkohol ist für viele Menschen präsenter als
früher, er ist zum Hintergrundrauschen unseres Alltags geworden. Zu
einer Art gesellschaftlichem Tinnitus der Pandemie. Wir trinken und trinken – und reden ständig darüber.


Ein Blick auf die
Umsatzzahlen in der Getränkebranche liefert zunächst ein
widersprüchliches Bild. Die großen Bierbrauereien verkaufen seit Beginn
der Pandemie viel weniger Fassbier – klar, die Gastronomie war
monatelang geschlossen. Gleichzeitig steigt der Flaschenbierabsatz im
Einzelhandel. In der Bilanz steht für die meisten dennoch ein moderates Minus. Die deutsche Weinbranche dagegen boomt: Trotz geschlossener Restaurants wurden 2020 im zweiten Quartal 12,5 Prozent mehr Flaschen verkauft als im Vorjahr. Auch in der zweiten Jahreshälfte kauften die Deutschen mehr Wein als noch 2019. Spirituosen wiederum wurden zu Beginn der Pandemie mehr verkauft, Stichwort Quarantini, danach brach der Verkauf aber ein.











Alkohol ist immer in der Nähe
Nicht
nur die Absatzzahlen alkoholischer Getränke haben sich verschoben, auch
die Orte des Konsums. Im Sommer tranken wir mehr auf der Straße, im
Winter trinken wir nun vor allem zu Hause. Für alle, die dort auch ihre
Arbeitszeit verbringen, ist Alkohol damit immer verfügbar, immer in der
Nähe. Beim Mittagessen in der Kantine ein Glas Wein zu trinken wäre für
viele kaum vorstellbar gewesen. Aber am heimischen Esstisch? Die Flasche
ist doch schon offen, die Zeiten sind hart genug, warum nicht ein Glas
Riesling zum Risotto?


Social Distancing
lässt im Umgang mit Alkohol weitere Routinen wackeln, die den Konsum
sonst einhegen. Wer auf sich selbst zurückgeworfen ist, vorbildlich
isoliert, den kontrolliert niemand. Und ohne soziale Kontrolle ist es
nicht nur leichter, früher am Tag mit dem Trinken anzufangen, sondern
auch mehr zu trinken. Im Lockdown fällt außerdem die unausgesprochene
Grenze des Allein-Trinkens weg, die vorher für viele Menschen
symbolischer Selbstschutz war.











Im Global Drug Survey, der weltweit größten Drogenumfrage (an deren Auswertung auch ZEIT ONLINE beteiligt ist), gab im vergangenen Frühjahr jeder Dritte an, mehr Alkohol zu trinken als vor der Pandemie. Eine repräsentative Studie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim und des Universitätsklinikums Nürnberg
kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: 37 Prozent der Teilnehmenden sagten,
während des ersten Shutdowns im April 2020 mehr getrunken zu haben als
vorher. Dem gegenüber steht eine kleinere Gruppe Menschen, die ihren
Konsum reduzierten: 21 Prozent gaben an, weniger Alkohol zu trinken als
vor dem Ausbruch der Pandemie.


Und alle reden
plötzlich darüber, wann, mit wem, wie viel sie jetzt trinken. Eine
Bekannte berichtet, dass sie neuerdings auch montags bis donnerstags
wieder trinke, vorher hatte sie den Rausch auf das lange Wochenende
beschränkt. Eine Freundin hat ganz mit dem Trinken aufgehört, eine
andere füllt in ihre Thermosflasche statt Tee neuerdings hochprozentige
Mischgetränke. Ein Freund erzählt, er verbringe seine Abende jetzt mit
selbst geschütteltem Whiskey Sour vor Netflix. Ein anderer gibt sich
zerknirscht: Statt laufen zu gehen, habe er gestern wieder Wein mit
seinen Mitbewohnerinnen getrunken.











Wir sind alle kleine Sünderlein.
Daniel Kofahl, Ernährungssoziologe

Im Reden über den Umgang
mit Alkohol in der Pandemie tarieren wir unser verschobenes Verhältnis
zum Trinken aus. Wir suchen Bestätigung bei unseren Mitmenschen, die
häufig dieselben Pendelbewegungen durchleben wie wir und irgendwo
zwischen Skrupel und Ich-gönn-mir-Modus stecken. "Wir sind alle kleine
Sünderlein", sagt der Ernährungssoziologe Daniel Kofahl. "Wir tendieren
eindeutig zum guten Leben, nicht zur Selbstkontrolle." Das momentane
Glück, sich in der Gegenwart wohlfühlen, der kurzfristige Genuss – diese
Bedürfnisse gewönnen bei den meisten Menschen gegen sozial erlernte
Mäßigung, die etwa auch zukünftige Gesundheitsfolgen berücksichtige.


In Zeiten, in denen
ringsum alle Gewissheiten wanken und sich oft existenzielle Unsicherheit
breitmacht, ist gesundheitliche Selbstoptimierung offenbar nicht mehr
ganz so en vogue. Selbstoptimierung funktioniere nur, wenn sie sozial
belohnt werde, sagt Kofahl. Ohne Applaus und Ansporn von außen würden
die wenigsten Askese betreiben. Mit dem Fortschreiten der Pandemie gehen
wir milder mit uns und anderen um. Am Anfang der Pandemie wurden noch
Laufschuhe, Sprachlernfibeln und pastellene Wandfarbeimer auf Instagram
hergezeigt. Inzwischen provozieren ähnliche
Ich-nutze-die-Zeit-jetzt-für-etwas-Sinnvolles-Projekte immer häufiger
bloß Achselzucken.











Wir haben einen
freundlichen Mittelweg entdeckt zwischen Askese und Exzess: einfach mal
nicht so streng mit sich zu sein. Das gilt beim Essenbestellen oder
Kaffee-zum-Mitnehmen-Kaufen, auch wenn man sonst Plastikmüll zu
vermeiden sucht. Und das gilt auch in Bezug auf den Alkoholkonsum. Es
ist sozial nicht mehr verpönt, statt der Hanteln öfter mal das Weinglas
zu heben. Das Leben ist gerade hart genug.


Gesunder Mittelweg oder schleichende Sucht?
Ist
all das nur eine bequeme Ausrede – und reicht es schon, um uns alle
schleichend zu Süchtigen zu machen? Die Gefahr ist real, aber nicht für
alle gleich groß. Der Ernährungssoziologe Kofahl verweist auf die
verschiedenen Trinktypen. Er unterscheidet zwischen sozialen
Trinkerinnen, privaten Trinkern, allumfassenden Trinkerinnen und
Abstinenten. Für die letzten beiden Gruppen ändert sich in der Pandemie
erst mal wenig: Wer vorher ständig oder nie getrunken hat, wird jetzt
kaum mehr oder weniger trinken. Menschen dagegen, die eher im privaten
Raum Alkohol trinken, verbringen nun genau dort viel mehr Zeit und haben
damit mehr Gelegenheit zum Konsum. Sie sollten also durchaus wachsam
sein, achtsam trinken.











Was aber ist mit sozialen
Trinkerinnen und Trinkern? Diese Gruppe scheint sich für den Moment
gespalten zu haben: in jene, die ohne soziale Anlässe wie Barbesuche,
Clubnächte oder Partys schlicht weniger Alkohol trinken – und jene,
deren Konsumschwelle sinkt, die entweder gleich ganz zu privaten
Trinkerinnen konvertieren oder zumindest "sozial" nun breiter
definieren. So werden nun auch eine gemeinsame Mahlzeit mit
Mitbewohnern, ein Zoom-Date mit Freundinnen und ein Filmabend mit dem
Partner zu Anlässen fürs Trinken.


Vielleicht war der
soziale Trinktyp auch schon immer zweigeteilt: Da gibt es jene Menschen,
die soziale Anlässe erst zum Trinken animierten, ob aus eigenem Antrieb
oder weil sie sich sozialem Druck beugten. Und jene, die soziale
Kontrolle eher einschränkte, die einfach gern tranken, aber sich in
Gesellschaft zusammenrissen. Die Polarisierung in der Krise,
sozioökonomisch und identitätspolitisch in aller Munde, gilt also auch
beim Alkohol: Die Pandemie verstärkt Tendenzen, die schon vorher
angelegt waren.


Kontrolle heißt nicht automatisch Verzicht
Ich
gehöre zu denen, die in der Krise mehr trinken. Nur wenige Wochen nach
dem Umzug in einen anderen Stadtteil kannte ich schon drei
Weinhandlungen in meiner neuen Nachb***aft. Plötzlich stand ein
Dutzend Flaschen auf meinem Schrank, zu Weihnachten wünschte ich mir ein
Weinregal.




Einen Vorwurf möchte ich mir
daraus nicht stricken. Ich rechne mich zu den sozialen Trinkern, die
auch ohne große Runden weiterhin Anlässe finden, ein Glas Wein
einzuschenken – und das ist in Ordnung. Denn der Alkohol ist nicht nur
Quälgeist, nicht nur Fiepen im Ohr. Wenn die Welt schließt, die Kultur
verstummt, das Reisen verboten wird oder wenigstens unangebracht ist,
dann ist moderates Trinken ein letzter Zipfel Freiheit. Was vorher schon
galt, wird jetzt noch einmal deutlicher: Kontrolle heißt nicht
automatisch Verzicht, Leben nicht automatisch Gesundheit. Ich kann mich
auch bewusst für eine maßvolle Dosis Gift entscheiden. Das ist meine
trotzige kleine Rebellion gegen das notwendige Korsett der
Corona-Einschränkungen: der kontrollierte Kontrollverlust.


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