Lustich.de arbeitet nicht gewinnorientiert. Überschüsse fließen in gemeinnützige Projekte, zum Beispiel in den Bau von Schulen und Brunnen in Benin (Westafrika). Mehr erfahren
Alle Casino News auf Deutsch
Technik

Social Betting: Wie Wettanbieter den Gruppenchat direkt in die App holen

30. September 20266 Min.von Lisa Lustich
Redaktionell geprüft von Lisa LustichLetzte Prüfung:
Social Betting: Wie Wettanbieter den Gruppenchat direkt in die App holenKI-GENERIERT

Moderne Sportwetten-Plattformen integrieren zunehmend soziale Funktionen wie Feeds und Chats, um Nutzer im eigenen Ökosystem zu binden und das Kopieren von Wetten per Klick zu ermöglichen.

Das Prinzip, Wetttipps mit Freunden zu teilen, ist fast so alt wie die Zivilisation selbst. Schon im antiken Rom, im Circus Maximus, feuerten Zuschauer eine der vier Rennfraktionen Rot, Weiß, Grün oder Blau an und platzierten Einsätze auf ihre Favoriten. Was sich heute massiv verändert, ist der Ort des Geschehens. Während der Austausch von Wettscheinen und Tipps bisher oft fragmentiert auf Plattformen wie Discord, X (ehemals Twitter) oder Reddit stattfand, bringen Betreiber die soziale Interaktion nun direkt dorthin, wo auch das Geld gesetzt wird: in die eigene App. Das Ziel ist es, die sogenannte Reibung zwischen der Inspiration durch einen Freund und der eigentlichen Wettausführung zu minimieren.

Bisher mussten Spieler, die den Tipp eines Bekannten aus einem Gruppenchat nachspielen wollten, ihre Sportwetten-App öffnen, den entsprechenden Markt suchen und die Wette manuell nachbauen. Dieser Prozess wird nun durch Features wie den Community Feed von FanDül oder die Social Betting Groups von DraftKings radikal vereinfacht. Nutzer können Wetten anderer Kunden sehen und diese mit nur einem einzigen Fingertipp dem eigenen Wettschein hinzufügen. Das Unternehmen Slips geht sogar so weit, dass Freunde eigene Wetten erstellen und direkt im integrierten Chat abwickeln können. Damit wird das Produkt selbst zum sozialen Netzwerk, wobei der Fokus klar auf der Monetarisierung von Gruppendynamiken liegt.

Zahlen und Fakten

Die psychologische Komponente dieser Entwicklung ist nicht zu unterschätzen. Eine Studie der University of Washington mit 221 jungen erwachsenen Sportwettern aus 36 US-Bundesstaaten zeigte, dass die Wahrnehmung der Wettgewohnheiten von Freunden das eigene Setzverhalten massiv beeinflusst. Teilnehmer, die glaubten, ihre Freunde würden höhere Beträge setzen, neigten selbst zu riskanteren Einsätzen. In einer separaten Untersuchung in Australien mit 33 Wettenden im Alter von 19 bis 29 Jahren gaben fast alle Befragten an, mehr Geld zu setzen, wenn Freunde involviert sind. Ein Teilnehmer berichtete, allein nur 5 bis 10 Dollar zu setzen, in der Gruppe jedoch auf 20 bis 30 Dollar zu erhöhen, da ein gewisser sozialer Druck entstehe.

Adam Bjorn, CEO von Plannatech, sieht darin vor allem einen Kampf um Aufmerksamkeit. Er erklärt die Strategie der Anbieter wie folgt:

„Heute dreht sich alles um die Community. Das Ziel ist es, die Gespräche, die bereits in Gruppenchats und auf X stattfinden, aufzugreifen und ihnen ein Zuhause im eigenen Ökosystem zu geben. Sozialer Austausch ist im Grunde ein Instrument zur Kundenbindung und zum Retention-Management.“ - Adam Bjorn, CEO von Plannatech

Hintergrund

Aus technischer Sicht verschiebt sich die Rolle des Wettscheins. Laut Matt Bresler, Mitbegründer von Odditt, hört der Wettschein auf, das eigentliche Produkt zu sein; stattdessen wird der Inhalt zum Produkt. Ein traditionelles Menü setzt voraus, dass der Nutzer bereits weiß, was er will. Ein Feed hingegen funktioniert über Entdeckung. Er schlägt Parlays (Kombiwetten) vor, die auf Rivalitäten, Wetterbedingungen oder sogar geteilten Geburtstagen basieren. Für die Betreiber ist dies ein entscheidender Vorteil, da Nutzer so auf Märkte aufmerksam werden, die sie aktiv niemals gesucht hätten. Die psychologische Hürde sinkt, je weniger Klicks zwischen der Idee und der Platzierung liegen.

Kritisch sieht dies Elizabeth Schwab von The Chicago School. Sie weist darauf hin, dass die Barrieren für eine Entscheidung in der App abgebaut werden, ähnlich wie bei gespeicherten Kreditkartendaten beim Online-Shopping. Diese Reibung, also die zusätzlichen Schritte zum Wettabschluss, helfe normalerweise dabei, die Belohnung zu verzögern und Dinge aus einem logischen statt emotionalen Blickwinkel zu betrachten. Fällt diese Hürde weg, steigt die Gefahr für impulsives Handeln. Die Debatte um den Spielerschutz wird dadurch komplexer, da zwar Freunde als „natürliches Sicherheitsnetz“ fungieren können, die technische Vereinfachung aber gleichzeitig das Risiko für gefährdete Personen erhöht.

Was heißt das für deutsche Spieler?

Für deutsche Spieler ist die Situation durch den Glücksspielstaatsvertrag 2021 (GlüStV 2021) deutlich anders. Während US-Anbieter wie DraftKings oder FanDül massiv auf soziale Features setzen, unterliegen Plattformen mit einer Lizenz der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder (GGL) strengen Beschränkungen. Soziale Features, die zu schnellen, impulsiven Wetten animieren oder den Gruppendruck fördern, kollidieren oft mit den deutschen Spielerschutzvorgaben. In Deutschland gelten zudem harte Limits: Das anbieterübergreifende Einzahlungslimit von 1.000 Euro pro Monat und das Verbot von Werbeformen, die Wetten als soziales Gemeinschaftserlebnis verklären, setzen hier enge Grenzen. Das IT-System LUGAS überwacht diese Limits strikt, was derartige „One-Tap“-Kopierfunktionen für Wetten von Dritten rechtlich schwierig macht.

Was das für GGL-Casinos heißt

Deutsche Buchmacher und Online-Casinos auf der GGL-Whitelist müssen vorsichtig agieren. Zwar ist Innovation im Bereich User Interface (UI) erlaubt, doch darf diese nicht dazu führen, dass die im Gesetz verankerte Wartezeit oder die notwendige Bedenkzeit bei der Wettauswahl umgangen wird. Soziale Interaktion innerhalb einer deutschen App ist derzeit kaum verbreitet, da die Anbieter für die Inhalte ihrer Plattformen haften. Ein unkontrollierter Chat oder ein Feed mit Tipps von Drittnutzern könnte als unzulässige Werbung oder Aufforderung zum Glücksspiel gewertet werden. Deutsche Betreiber konzentrieren sich daher eher auf die Bereitstellung von sicheren, individuellen Wetterlebnissen innerhalb des gesetzlichen Rahmens, anstatt dem riskanten Trend der maximalen sozialen Vernetzung zu folgen.

Häufige Fragen

Was versteht man unter Social Betting in modernen Apps?

Unter Social Betting versteht man die Integration von sozialen Funktionen wie Gruppenchats, Feeds und Bestenlisten direkt in die Sportwetten-App. Nutzer können so die Wetten ihrer Freunde sehen und diese mit nur einem Klick für sich selbst übernehmen, ohne die App verlassen zu müssen.

Welche Vorteile versprechen sich Wettanbieter von sozialen Funktionen?

Die Anbieter nutzen soziale Features primär zur Kundenbindung und zur Steigerung der Interaktionsrate, da Nutzer mehr Zeit in der App verbringen. Zudem wird die Hürde zwischen der Inspiration durch andere und dem Platzieren der Wette durch „Ein-Klick“-Funktionen fast vollständig eliminiert.

Welche Risiken birgt das Kopieren von Wetten per Mausklick?

Psychologen warnen, dass das Entfernen von Zwischenschritten die logische Bedenkzeit verkürzt und emotionale, impulsive Entscheidungen fördert. Zudem zeigen Studien, dass sozialer Druck innerhalb von Gruppen dazu führen kann, dass Einzelpersonen höhere Beträge setzen als sie es alleine tun würden.

Dürfen deutsche Wettanbieter soziale Feeds wie in den USA einführen?

In Deutschland ist dies aufgrund des strengen Glücksspielstaatsvertrags 2021 und der Aufsicht durch die GGL nur sehr eingeschränkt möglich. Funktionen, die zum impulsiven Nachahmen von Wetten anregen, stehen im Widerspruch zu den Spielerschutzrichtlinien und den geltenden Einzahlungslimits von LUGAS.

Wie werden deutsche Spieler vor riskanten sozialen Wett-Trends geschützt?

Durch das anbieterübergreifende Einzahlungslimit von 1.000 Euro und die strengen Identitätsprüfungen wird exzessives Wetten begrenzt. Die GGL überwacht zudem die Whitelist der erlaubten Anbieter, um sicherzustellen, dass keine manipulativen sozialen Features eingesetzt werden, die Minderjährige oder gefährdete Personen ansprechen.

Teilen

Über die Autorin

Lisa Lustich

Lisa Lustich

Chefredakteurin & Casino-Testerin

Lisa Lustich testet seit 1997 deutschsprachige Online-Casinos und leitet die Redaktion von Lustich.de. Über 400 veröffentlichte Reviews, zertifizierte Spielerschutz-Beraterin (BZgA-Schulung 2019).

Alle Artikel von Lisa Lustich →

Quellen & weiterführende Links

Glücksspiel kann süchtig machen. Spielen Sie verantwortungsbewusst. Hilfe und Beratung unter 0800 1 372 700 (BZgA, kostenlos & anonym).

Verwandte Themen

Weiterführende Artikel