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Regulierung

Bingo-Identitätskrise in Großbritannien: Spielautomaten verdrängen Klassiker

28. September 20266 Min.von Lisa Lustich
Redaktionell geprüft von Lisa LustichLetzte Prüfung:
Bingo-Identitätskrise in Großbritannien: Spielautomaten verdrängen KlassikerKI-GENERIERT

Britische Bingo-Hallen erwirtschaften mittlerweile 461,7 Millionen Pfund durch Automaten, während das klassische Bingo nur noch 242,1 Millionen Pfund einbringt.

In den ehrwürdigen Hallen des britischen Bingos braut sich ein Sturm zusammen, der die Grundfesten der Branche erschüttert. Was einst als geselliger Zeitvertreib für die Massen galt, hat sich laut aktuellen Zahlen der britischen Gambling Commission zu einem lukrativen Zentrum für Geldspielgeräte gewandelt. Die Grenze zwischen einem traditionellen Bingo-Club und einem Adult Gaming Centre (AGC), also einer reinen Spielhalle für Erwachsene, verschwimmt zusehends. Diese Entwicklung hat nun die britische Regierung auf den Plan gerufen, die in einer Konsultation untersuchen lässt, ob die aktuelle Lizenzierungspraxis noch zeitgemäß ist.

Besonders brisant ist die Tatsache, dass viele Betriebe unter dem Deckmantel der Bingo-Lizenz agieren, um Vorteile zu genießen, die klassischen Spielhallen verwehrt bleiben. Dazu gehört etwa die Möglichkeit, Alkohol auszuschenken, was in reinen Automaten-Casinos untersagt ist. Während die Zahl der traditionellen Clubs von 335 im Jahr 2018 auf nur noch 248 im August 2024 gesunken ist, wächst die Zahl der kleinen High-Street-Standorte, die zwar Bingo auf dem Schild stehen haben, im Inneren jedoch primär blinkende Walzen präsentieren.

Zahlen und Fakten

Die wirtschaftliche Realität der Branche ist eindeutig. Im Geschäftsjahr bis März 2026 generierten Spielautomaten in lizenzierten Bingo-Hallen einen Bruttospielertrag (Gross Gambling Yield, GGR) von 461,7 Millionen Pfund. Im Gegensatz dazu steuerte das eigentliche Bingo-Spiel lediglich 242,1 Millionen Pfund bei. Damit stammen fast zwei Drittel des Gesamtumsatzes von 703,8 Millionen Pfund aus den Automaten. Noch deutlicher wird die Schieflage bei den sogenannten High-Street-Bingos: Hier machen Automaten laut Daten der Gambling Commission satte 99 Prozent des Umsatzes aus, während das namensgebende Spiel weniger als ein Prozent beisteuert.

Ein Blick auf den Anbieter Merkur Slots verdeutlicht das Dilemma. Von 340 Standorten sind 227 als Bingo-Betriebe lizenziert, obwohl sie optisch und funktional kaum von einer Spielhalle zu unterscheiden sind. Oft findet sich lediglich ein kleiner Hinweis am Schaufenster, dass hier auch Bingo gespielt wird. Besonders die Kategorie-B-Automaten treiben das Wachstum. Der GGR in diesem Segment stieg von 197 Millionen Pfund im Zeitraum 2019 und 2020 auf 361 Millionen Pfund im Geschäftsjahr 2025 und 2026.

Hintergrund

Das Kernproblem liegt im britischen Glücksspielgesetz von 2005. Es schreibt zwar vor, dass Bingo-Hallen substanzielle Einrichtungen für das namensgebende Spiel vorhalten müssen, definiert jedoch nicht, was genau unter substanziell zu verstehen ist. Es gibt keine Mindestvorgaben für die Ladenfläche oder die Anzahl der Sitzplätze. Diese Flexibilität sollte ursprünglich Innovationen ermöglichen, wurde aber offenbar zur Umgehung strengerer Spielhallen-Regeln genutzt. Die Regierung schlug im Oktober 2025 verschiedene Gegenmaßnahmen vor, darunter die Pflicht, 30, 40 oder 50 Prozent der Fläche exklusiv für Bingo zu reservieren.

„Ein Veranstaltungsort, der primär Automaten anbietet, hat ein anderes Gesamtrisikoprofil als ein Club mit prominenten Bingo-Einrichtungen, unabhängig von der Bezeichnung auf seiner Lizenz.“ - Unbekannt, Regierungsvertreter im Konsultationsbericht

Zudem wird über eine Mindestanzahl von 30 oder 40 Sitzplätzen nachgedacht. Für Betreiber ist die Wahl der Lizenz auch steuerlich relevant. Während die Bingo-Steuer zum 1. April 2026 abgeschafft werden soll, steigt die Steuer auf Fernspielangebote (Remote Gaming Duty) am selben Tag massiv auf 40 Prozent an. Diese fiskalischen Änderungen sollen laut Regierungsangaben dazu dienen, sicherere Spielumgebungen zu fördern und den Haushalt mit über einer Milliarde Pfund jährlich zu stützen.

Was heißt das für deutsche Spieler?

Für deutsche Spieler zeigt die Situation in Großbritannien vor allem eines: Wie wichtig eine klare Regulierung ist, wie sie der deutsche Glücksspielstaatsvertrag 2021 (GlüStV 2021) vorsieht. In Deutschland gibt es durch die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL) eine strikte Trennung und klare Regeln für Online-Casinos und landbasierte Spielstätten. Während in England die Grenzen verschwimmen, sorgt in Deutschland die Whitelist der GGL für Klarheit. Deutsche Spieler, die in legalen Online-Casinos spielen, unterliegen dem Einzahlungslimit von 1.000 Euro pro Monat über das LUGAS-System und dem Einsatzlimit von einem Euro pro Spin bei virtuellen Automaten.

Diese Maßnahmen dienen dem Spielerschutz und verhindern, dass Glücksspielangebote unter falscher Flagge segeln. Wer in Deutschland in einem lizenzierten Casino spielt, kann sich darauf verlassen, dass die Spielmechaniken und Gewinnquoten streng überwacht werden. Die britische Identitätskrise verdeutlicht, dass ohne präzise Definitionen, wie sie im GlüStV 2021 verankert sind, der Schutzcharakter von Nischenprodukten wie Bingo schnell verloren gehen kann.

Was das für GGL-Casinos heißt

Betreiber mit einer GGL-Lizenz in Deutschland müssen sich nicht mit solchen Identitätskrisen herumschlagen, da die Anforderungen an das Portfolio und die Darstellung der Spiele eindeutig sind. Die britischen Entwicklungen zeigen jedoch, dass Regulierungsbehörden weltweit zunehmend auf das tatsächliche Spielerverhalten und die Umsatzströme schauen. Wenn ein Produkt nur noch als Alibi für ein risikoreicheres Spiel dient, greift der Gesetzgeber ein. Deutsche Anbieter sind daher gut beraten, die Einhaltung der strengen deutschen Richtlinien weiterhin als Qualitätsmerkmal zu sehen, um ähnliche regulatorische Eingriffe wie in UK zu vermeiden.

Häufige Fragen

Warum werden Bingo-Hallen in England als trojanische Pferde bezeichnet?

Kritiker nutzen diesen Begriff, weil viele Betreiber eine Bingo-Lizenz nur beantragen, um tatsächlich eine Spielhalle mit Automaten zu betreiben. Da Bingo-Lizenzen Privilegien wie den Ausschank von Alkohol bieten, werden sie oft zweckentfremdet.

Wie viel Umsatz machen Spielautomaten im britischen Bingo-Sektor?

Laut den Daten der Gambling Commission für das Jahr bis März 2026 erwirtschafteten Automaten 461,7 Millionen Pfund. Dies entspricht fast zwei Dritteln des gesamten Bruttospielertrags der Branche.

Welche neuen Regeln plant die britische Regierung für Bingo-Hallen?

Es gibt Vorschläge für eine Mindestfläche von bis zu 50 Prozent, die ausschließlich für Bingo genutzt werden darf. Zudem wird über eine Mindestanzahl von 30 bis 40 Sitzplätzen für Bingo-Spieler diskutiert.

Gibt es ähnliche Probleme mit Bingo-Lizenzen in Deutschland?

Nein, in Deutschland ist das Glücksspielwesen durch den GlüStV 2021 sehr streng und detailliert geregelt. Die GGL überwacht die Einhaltung der Lizenzen genau, sodass eine solche Identitätskrise zwischen Bingo und Spielhallen hierzulande nicht zu erwarten ist.

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Über die Autorin

Lisa Lustich

Lisa Lustich

Chefredakteurin & Casino-Testerin

Lisa Lustich testet seit 1997 deutschsprachige Online-Casinos und leitet die Redaktion von Lustich.de. Über 400 veröffentlichte Reviews, zertifizierte Spielerschutz-Beraterin (BZgA-Schulung 2019).

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Quellen & weiterführende Links

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