Konsolidierung nach Steuererhöhung: Britische Glücksspielbranche vor massivem Umbruch

Die Erhöhung der Remote Gambling Duty in Großbritannien zwingt Anbieter zu harten Sparkursen. Experten wie Ollie Woodward von BDO erwarten eine Welle von Fusionen und Übernahmen.
Die britische Glücksspielbranche steht vor einer Phase tiefgreifender Veränderungen. Nach der Anhebung der Remote Gambling Duty (RGD) im April 2024 müssen sowohl Online-Anbieter als auch landbasierte Betreiber ihre Geschäftsmodelle auf den Prüfstand stellen. Viele Unternehmen reagieren auf den gestiegenen Kostendruck mit einer Neubewertung ihrer Personalstrukturen und technologischen Investitionen. Während Margen unter dem Steuerdruck leiden, zeigt sich der Markt dennoch widerstandsfähig. Branchenbeobachter stellen fest, dass größere, etablierte Konzerne die aktuelle Situation als Chance begreifen, um ihre Marktposition durch Zukäufe kleinerer Konkurrenten zu festigen.
Besonders auffällig ist der Trend zur Konsolidierung. Kleinere Marktteilnehmer haben zunehmend Schwierigkeiten, die zusätzlichen steuerlichen Belastungen abzufedern. Das führt dazu, dass Fusionen und Übernahmen (M&A) derzeit die Tagesordnung bestimmen. Experten beobachten eine Verschiebung der Prioritäten: Weg von riskanten Expansionsstrategien in unregulierte Märkte, hin zu stabilen, regulierten Erträgen. Unternehmen wie Entain oder Bally's Intralot setzen bereits deutliche Zeichen durch Restrukturierungen oder gezielte Zukäufe in einem schwieriger werdenden Umfeld. Die Professionalisierung der Berichterstattung über regulierte im Vergleich zu unregulierten Umsätzen wird dabei zu einem entscheidenden Faktor für den Marktwert eines Unternehmens.
Zahlen und Fakten
Die Auswirkungen der Steuererhöhung auf die Kostenbasis sind immens. Entain kündigte vor kurzem eine umfassende Umstrukturierung an, die zum Abbau von bis zu 500 Stellen weltweit führen könnte. Auch wenn das Unternehmen betont, dass dies nicht direkt auf die RGD-Erhöhung zurückzuführen ist, zeigt es den allgemeinen Druck auf die Branche. Gleichzeitig hat Bally's Intralot die Gelegenheit genutzt, den angeschlagenen Anbieter Evoke zu übernehmen. Evoke hatte zuvor mit verschiedenen Schwierigkeiten zu kämpfen, die durch die neue Steuerlast verschärft wurden. Robeson Reeves, CEO von Bally's Intralot, erklärte im April 2024, dass dieser Deal die europäischen Expansionspläne des Konzerns massiv unterstützen werde.
Ein wesentlicher Aspekt bei diesen Prozessen ist die Werthaltigkeit regulierter Umsätze. Laut Beobachtungen des M&A-Teams von BDO werden für Geschäftsteile in regulierten Märkten deutlich höhere Multiplikatoren bei Verkäufen erzielt. Große Gruppen streben mittlerweile danach, über 90 Prozent ihrer Einnahmen aus regulierten oder bald regulierten Märkten zu beziehen. Dies führt zu einer klaren Trennung im Markt: Anbieter mit hohem Anteil an Schwarzmarkt-Umsätzen verlieren an Attraktivität und haben es schwerer, Käufer oder Investoren zu finden.
Hintergrund
Die aktuelle Dynamik wird stark durch das Beratungsunternehmen BDO und dessen Experten für Fusionen begleitet. Ollie Woodward, Direktor für Corporate Finance bei BDO, sieht eine deutliche Entwicklung in den Gesprächen mit Mandanten. Es geht nicht mehr nur um Wachstum, sondern um die richtige Größe der Kostenbasis und die Nachhaltigkeit der Spielerzahlen. Viele Firmen nutzen nun die Schnittstelle zwischen Steuerdruck und technologischem Fortschritt, insbesondere im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI), um ihre Effizienz zu steigern.
„Die Gespräche mit Kunden haben sich dahin entwickelt, wie wir unsere Kostenbasis betrachten und sie richtig dimensionieren können. Es ist ein Balanceakt, und viele unserer Kunden und Betreiber glauben, dass sie bei einer starken Position in dieser Phase Marktchancen bei kleineren Spielern finden werden, die mit diesen Steueränderungen nicht effektiv leben können." - Ollie Woodward, Corporate Finance Director bei BDO
Woodward berichtet zudem, dass sein Team derzeit mit fünf bis sechs britischen Glücksspielunternehmen an großen Transaktionsprozessen arbeitet. Diese umfassen sowohl den B2C-Online-Bereich als auch landbasierte Sektoren und Zulieferer. Interessanterweise blicken einige britische Firmen bereits über die Landesgrenzen hinaus nach Kanada, da Alberta kurz vor der Online-Regulierung steht. Dies unterstreicht den Drang, stagnierende Margen im Heimatmarkt durch Wachstum in neuen, liberalisierten Jurisdiktionen auszugleichen.
Was heißt das für deutsche Spieler?
Für Spieler in Deutschland haben diese britischen Marktbewegungen eine direkte Signalwirkung. Der deutsche Glücksspielstaatsvertrag 2021 (GlüStV 2021) hat bereits vor Jahren einen Rahmen geschaffen, der auf hohe Regulierung und Spielerschutz setzt. Wenn große Konzerne ihre Strategie nun global auf „regulierte Märkte" ausrichten, bedeutet das für deutsche Kunden eine höhere Sicherheit. Anbieter, die im britischen M&A-Karussell attraktiv bleiben wollen, müssen sauber arbeiten und Lizenzen halten. Das stärkt die Position der Gemeinsamen Glücksspielbehörde der Länder (GGL) und deren Whitelist.
Deutsche Nutzer profitieren davon, dass internationale Schwergewichte wie Bet365 ihre Aktivitäten in Grau- oder Schwarzmärkten massiv reduzieren, um für Investoren sauber zu erscheinen. Wer bei einem in Deutschland lizenzierten Casino spielt, findet dort die strengen Regeln wie das Einzahlungslimit von 1.000 Euro pro Monat oder die Überwachung durch das LUGAS-System. Da internationale Konzerne ihren Fokus auf diese regulierten Umgebungen legen, wird die Qualität und Stabilität der legalen Angebote in Deutschland langfristig steigen, während illegale Angebote ohne GGL-Lizenz weiter an Boden verlieren.
Was das für GGL-Casinos heißt
Casinos mit einer GGL-Lizenz befinden sich in einer vorteilhaften Position. Die Entwicklung in Großbritannien zeigt, dass langfristiger Erfolg nur über den legalen Weg führt. Die strikten Vorgaben in Deutschland, wie das Einsatzlimit von einem Euro pro Spielrunde bei virtuellen Automaten, wirken zwar kurzfristig einschränkend auf die Margen der Betreiber, sorgen aber für eine nachhaltige Bewertung des Unternehmens. Wer sauber lizenziert ist und die Anforderungen an den Spielerschutz erfüllt, ist ein begehrtes Ziel für Fusionen.
Unternehmen, die bereits jetzt auf Technologie setzen, um regulatorische Anforderungen effizient umzusetzen, werden die Gewinner dieses Konsolidierungsprozesses sein. Der Markt trennt sich immer mehr in zwei Lager: Diejenigen, die die Kosten der Regulierung durch Effizienz und KI auffangen können, und diejenigen, die an veralteten Strukturen festhalten. Für die GGL-lizenzierten Anbieter in Deutschland bedeutet das: Die Einhaltung der Gesetze ist kein Klotz am Bein, sondern ein echtes Assets in der globalen Gaming-Wirtschaft.
Quellen & weiterführende Links
- Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL): gluecksspiel-behoerde.de
- Whitelist erlaubter Online-Anbieter: GGL-Whitelist
- BZgA Spielsucht-Hotline: 0800 1 372 700 (kostenlos, anonym, 24/7)
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