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Regulierung

Stoppschild für Prognosemärkte: Europa geht hart gegen unlizenzierte Wetten vor

27. Juli 20266 Min.von Lisa Lustich
Redaktionell geprüft von Lisa LustichLetzte Prüfung: 27. Juli 2026
Stoppschild für Prognosemärkte: Europa geht hart gegen unlizenzierte Wetten vorKI-GENERIERT

Die französische ANJ sperrt Polymarket nach über 578.000 Zugriffen im Juni. Auch Europäische Behörden stufen Event-Wetten nun verstärkt als illegales Glücksspiel oder verbotene Finanzprodukte ein.

TL;DR · Das Wichtigste auf einen Blick

Die französische Glücksspielbehörde ANJ hat Internetanbieter angewiesen, den Zugang zur Plattform Polymarket zu blockieren, da diese ohne Genehmigung Wetten an ein Millionenpublikum vermarktet. Gleichzeitig warnt die europäische Wertpapieraufsicht ESMA, dass viele Event-Kontrakte rechtlich als binäre Optionen gelten und somit unter das seit 2018 bestehende Vertriebsverbot für Privatkunden fallen. Da die Plattformen oft keine Identitätsprüfungen durchführen und Manipulationsrisiken bergen, koordinieren europäische Regulierer nun ihre Maßnahmen gegen diesen grauen Markt. Dieser Vorstoß markiert das Ende einer Ära, in der Prognosemärkte versuchten, nationale Gesetze durch eine Einordnung als reine Technologieprodukte zu umgehen.

Die Zeit der regulatorischen Freifahrt für Prognosemärkte in Europa scheint endgültig vorbei zu sein. Was lange Zeit als innovative Nische für den Handel mit Unsicherheiten galt, rückt nun massiv in den Fokus der Aufsichtsbehörden. Am 16. Juli 2024 ordnete die Präsidentin der französischen Glücksspielbehörde l'Autorité Nationale des Jeux (ANJ) an, dass Internetdienstanbieter den Zugriff auf Polymarket sperren müssen. Diese Plattform gilt als der bekannteste Vertreter dieser Zunft und verzeichnete allein im Juni 2024 beeindruckende 578.751 Besuche sowie über 205.000 einzigartige Besucher aus Frankreich.

Die Entscheidung ist kein plötzlicher Zufall, sondern das Resultat einer langen Beobachtung. Bereits seit November 2024 hatte die ANJ das Betreiberunternehmen Adventure One QSS Inc. im Visier. Damals wurde geurteilt, dass die angebotenen Dienstleistungen einem nicht autorisierten Glücksspielangebot entsprechen. Obwohl das Unternehmen versuchte, Finanztransaktionen aus Frankreich technisch zu blockieren, stellte die Behörde fest, dass diese Sperren in der Praxis leicht umgangen werden konnten. Im Februar bekräftigte die Behörde, dass solche Seiten illegale Merkmale aufweisen, die denen von reguliertem Glücksspiel ähneln, jedoch ohne den Schutz für Spieler auskommen müssen. Besonders schwer wog der Verdacht auf Manipulation bei Wettervorhersagen, was sogar die Cyberkriminalitätseinheit der Pariser Staatsanwaltschaft auf den Plan rief.

Zahlen und Fakten

Die Dimensionen der Durchsetzung sind bemerkenswert. Allein im Jahr 2025 hat die ANJ bereits 1.290 URLs blockiert. Frankreich steht mit dieser harten Linie nicht allein da. Laut Zählungen der Behörde haben Deutschland, Belgien, Rumänien, die Schweiz, Polen, die Niederlande, Griechenland, Italien, Portugal, Spanien, die Ukraine und Tschechien Prognosemärkte bereits eingeschränkt oder blockiert. Ein zentraler Punkt der Kritik ist das Fehlen von Know-Your-Customer-Systemen (KYC), um die Identität der Nutzer zu verifizieren. Ohne diese Prüfung haben Jugendliche und gesperrte Spieler ungehinderten Zugang zu hochriskanten Wetten.

Die europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) hat die Situation am 3. Juli 2024 zusätzlich verschärft. In einer Stellungnahme erinnerte sie Unternehmen daran, dass sogenannte Event-Kontrakte oft als Derivate einzustufen sind. Wenn eine Wette auf Zinsraten, Währungen oder Inflation basiert, gilt sie als Finanzinstrument gemäß der MiFID II Richtlinie. Solche binären Optionen sind für Privatkunden in der EU seit 2018 verboten. Wulf Hambach von der Kanzlei Hambach & Hambach betont, dass für den Betrieb solcher Kontrakte eine vollständige MiFID II Lizenz nötig wäre, die aber nur den Vertrieb an professionelle Kunden erlaubt.

Hintergrund

Das Kernproblem der Prognosemärkte ist ihre Identität. Sie präsentieren sich gern als Marktplatz für Wissen, decken aber alles von Sport über Politik bis hin zu Kriegen ab. Ismail Vali von Gaming Compliance International erklärt, dass die Klarstellung der ESMA diese Universalität zerschlägt. Eine Wette auf den Bitcoin-Preis sieht eben nicht wie eine Glücksspielinnovation aus, sondern wie ein binäres Finanzprodukt. Während die Betreiber in den USA versuchen, sich hinter Bundesgesetzen für Termingeschäfte zu verstecken, um staatliche Glücksspielgesetze auszuhebeln, führt die finanzrechtliche Einstufung in Europa direkt zu einem Verbot.

„Wenn ein Produkt wie ein Finanzinstrument funktioniert, sollte es die Finanzregulierung nicht dadurch umgehen, dass es sich Prognosemarkt nennt. Wenn es wie Glücksspiel funktioniert, sollte es die Glücksspielregulierung nicht dadurch vermeiden, dass es sich Finanzprodukt nennt." - Ismail Vali, Präsident der Gaming Compliance International (GCI)

Selbst das neue europäische Krypto-Regelwerk MiCA bietet keinen sicheren Hafen. Tokenisierte Kontrakte, die Finanzinstrumente darstellen, sind von MiCA ausgeschlossen. Für andere Bereiche wie Sport oder Wahlen müssten Betreiber als Krypto-Dienstleister lizenziert werden, was hohe Hürden mit sich bringt. Das Beispiel Gibraltar zeigt einen anderen Weg: Dort wurde am 13. Juli 2025 ein eigener Rahmen für Prognosemärkte unter dem Gambling Act geschaffen. Dennoch bleibt fraglich, ob solche Lizenzen für den Dienst in der restlichen EU ausreichen, wenn die Produkte als verbotene binäre Optionen eingestuft werden.

Was heißt das für deutsche Spieler?

Für deutsche Spieler bedeutet dieser Kurs vor allem eins: Plattformen wie Polymarket schweben rechtlich im luftleeren Raum und sind in Deutschland illegal. Der Glücksspielstaatsvertrag 2021 (GlüStV 2021) setzt sehr enge Grenzen für das, was erlaubt ist. Wetten auf politische Ereignisse, das Wetter oder gesellschaftliche Trends sind im regulierten deutschen Markt nicht zugelassen. Wer auf solchen unregulierten Seiten aktiv ist, genießt keinerlei Schutz durch die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL).

Es gibt dort kein monatliches Einzahlungslimit von 1.000 Euro, keine Anbindung an das Sperrsystem LUGAS und keine Kontrolle der 1 Euro Einsatzgrenze pro Spin bei Slots oder vergleichbarer Limits bei Wetten. Viel gravierender ist jedoch das Risiko bei der Auszahlung: Da die Anbieter keine deutsche Lizenz haben, können Gewinne jederzeit eingefroren werden, ohne dass deutsche Gerichte helfen können. Die GGL hat bereits öffentlich vor Anbietern wie Polymarket gewarnt. Deutsche Nutzer sollten sich bewusst sein, dass die Nutzung solcher Dienste nicht nur riskant ist, sondern die Behörden den Zugang über DNS-Sperren oder Zahlungssperren (Payment Blocking) zunehmend unterbinden werden.

Was das für GGL-Casinos heißt

Lizenzierte deutsche Online-Casinos und Wettanbieter profitieren indirekt von diesem harten Durchgreifen. Prognosemärkte stellen eine Form von regulatorischer Arbitrage dar, die Steuerzahlungen und Spielerschutzmaßnahmen umgeht. Wenn die GGL und die europäischen Partnerbehörden diese Schattenmärkte austrocknen, stärkt das den legalen Markt. Legale Betreiber müssen Millionen in Compliance und Spielerschutz investieren. Es wäre wettbewerbsverzerrrend, wenn Krypto-basierte Prognosemärkte ohne jegliche KYC-Prüfung oder Wettsteuer-Abführung die gleichen Kunden bedienen dürften.

Die Branche muss jedoch wachsam bleiben. Da Prognosemärkte Sportwetten oft nur als „Kontrakte" maskieren, graben sie lizenzierten Buchmachern das Wasser ab. Die klare Kante der ESMA und der ANJ signalisiert, dass Innovation kein Freibrief für Gesetzlosigkeit ist. GGL-lizenzierte Anbieter können sich hier als sicherer Hafen positionieren, da sie die strengen Anforderungen an Integrität und Fairness erfüllen, die bei Plattformen wie Polymarket laut den Ermittlungen der Pariser Staatsanwaltschaft offenbar fehlen.

Kurz & Knapp

  • Die ANJ sperrte Polymarket am 16. Juli 2024.
  • Im Juni 2024 verzeichnete Polymarket über 578.000 Zugriffe aus Frankreich.
  • Die ESMA hat am 3. Juli 2024 die Einstufung von Event-Kontrakten verschärft.
  • Frankreich hat bereits 1.290 URLs im Jahr 2025 blockiert.

Häufige Fragen

Warum greift die französische Glücksspielbehörde ANJ gegen Polymarket durch?

Die ANJ hat Polymarket gesperrt, da die angebotenen Dienstleistungen einem nicht autorisierten Glücksspielangebot entsprechen. Trotz technischer Sperren konnten Finanztransaktionen aus Frankreich leicht umgangen werden, und es besteht der Verdacht auf Manipulation bei Wettervorhersagen.

Was stuft die europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) als problematisch ein?

Die ESMA betrachtet sogenannte Event-Kontrakte auf Prognosemärkten oft als Derivate und somit als Finanzinstrumente gemäß der MiFID II Richtlinie. Solche binären Optionen sind für Privatkunden in der EU seit 2018 verboten.

Welches Kernproblem haben Prognosemärkte laut Experten?

Prognosemärkte decken ein breites Spektrum ab, von Sport bis hin zu Kriegen, und können sich als Marktplatz für Wissen präsentieren. Dies erschwert die klare Einordnung, ob es sich um Glücksspiel oder ein Finanzprodukt handelt.

Welche Konsequenzen hat das Vorgehen für Spieler in Deutschland?

Plattformen wie Polymarket gelten in Deutschland als illegal und bieten keinen Schutz durch die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL). Spieler genießen keine Schutzmechanismen wie Einzahlungslimits und riskieren im schlimmsten Fall den Verlust von Gewinnen.

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Über die Autorin

Lisa Lustich

Lisa Lustich

Chefredakteurin & Casino-Testerin

Lisa Lustich testet seit 1997 deutschsprachige Online-Casinos und leitet die Redaktion von Lustich.de. Über 400 veröffentlichte Reviews, zertifizierte Spielerschutz-Beraterin (BZgA-Schulung 2019).

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