Vorwurf gegen Prognosemärkte: Fanatics-Experte warnt vor Schwarzmarkt-Methoden

Anthony D’Angelo warnt davor, dass Prognosemärkten wichtige Sicherheitsvorkehrungen fehlen. Daten zeigen zudem, dass fast 50 % der jungen Männer im Alter von 18 bis 49 Jahren bereits ein Online-Wettkonto besitzen.
Die Diskussion um die Sicherheit und Regulierung digitaler Wettangebote erreicht eine neue Eskalationsstufe. Während des aktuellen National Conference of State Legislatures Legislative Summit in Chicago äußerte sich Anthony D’Angelo, der bei Fanatics Betting and Gaming für das Thema verantwortungsbewusstes Glücksspiel zuständig ist, mit deutlichen Worten. Er zog eine direkte Linie zwischen sogenannten Prognosemärkten und dem klassischen Schwarzmarkt. Seiner Ansicht nach verschwimmen die Grenzen zwischen illegalen Übersee-Sportwettenanbietern und Plattformen, die Wetten auf politische oder gesellschaftliche Ereignisse ermöglichen, zunehmend.
Besonders im Fokus stehen dabei Anbieter wie Polymarket und Kalshi. D’Angelo argumentiert, dass diese Plattformen nicht über die strengen Kontrollmechanismen verfügen, die bei lizenzierten Betreibern zum Standard gehören. In Staaten, in denen Sportwetten noch nicht legalisiert sind, sei das Abwandern der Nutzer zu solchen Märkten ein erhebliches Risiko. Die Branche diskutiert nun intensiv darüber, ob verschärfte Spielerschutzmaßnahmen bei legalen Anbietern die Kunden ungewollt in die Arme dieser unregulierten Akteure treiben.
Zahlen und Fakten
Ein wesentlicher Aspekt des Panels in Chicago waren die statistischen Erkenntnisse von David Sasaki, dem Direktor des American Institute for Boys and Men. Seine Daten verdeutlichen das Ausmaß der Verbreitung digitaler Wetten. Etwa jeder vierte Amerikaner hat oder hatte jemals ein Konto bei einem Online-Sportwettenanbieter. Noch alarmierender sind jedoch die Zahlen für die Kernzielgruppe: Bei Männern im Alter zwischen 18 und 49 Jahren liegt dieser Wert bereits bei fast 50 Prozent. Diese enorme Marktdurchdringung macht Schutzmaßnahmen umso dringlicher.
Die finanzielle Seite dieser Entwicklung spürte zuletzt auch der Riese BetMGM. CEO Adam Greenblatt berichtete von einem Rückgang des bereinigten EBITDA (Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) um 15 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Er machte dafür unter anderem die regulatorische Komplexität im Bereich der Prognosemärkte verantwortlich. Dies zeigt, dass die Konkurrenz durch unregulierte oder teils regulierte Nischenprodukte mittlerweile handfeste Auswirkungen auf die Bilanzen der großen, lizenzierten Player hat.
Hintergrund
Im Kern geht es um die Frage, wo Sportwetten aufhören und Finanz- oder Spekulationsmärkte beginnen. Fanatics selbst bietet zwar auch Prognosemärkte an, stellt laut D’Angelo jedoch sicher, dass diese Produkte in Staaten mit legalen Sportwetten nicht angeboten werden oder strengeren Kontrollen unterliegen. Die Branche hat sich mittlerweile in zwei Lager gespalten. Auf der einen Seite steht die Sports Betting Alliance (SBA) mit Schwergewichten wie DraftKings, FanDuel, Fanatics und BetMGM. Auf der anderen Seite formiert sich die Coalition for Prediction Markets (CPM), der unter anderem Kalshi, Crypto.com, Robinhood und Underdog angehören.
„Die Prognosemärkte, die nicht über die Kontrollen verfügen, die Fanatics, FanDuel und DraftKings haben, sind illegale Sportwettenmärkte.“ - Anthony D’Angelo, Leiter Responsible Gaming bei Fanatics Betting and Gaming
Experte David Sasaki forderte während des Gipfels mutige Schritte von den Gesetzgebern. Er schlug vor, den Wettrhythmus zu begrenzen, Mikro-Wetten zu verbieten und strengere Werbebeschränkungen einzuführen. Ein konkretes Beispiel aus Europa wurde dabei lobend erwähnt: Flutter setzt im Vereinigten Königreich und in Irland ein monatliches Einzahlungslimit von 500 Pfund für alle Kunden unter 25 Jahren durch. In den USA gibt es erste Bestrebungen in Colorado, wo Spieler bereits auf sechs Wetten pro Tag limitiert werden könnten.
Was heißt das für deutsche Spieler?
Für deutsche Spieler ist diese Debatte hochgradig relevant, da Deutschland mit dem Glücksspielstaatsvertrag 2021 (GlüStV 2021) bereits eines der strengsten Regelwerke weltweit implementiert hat. Während in den USA noch über Limits diskutiert wird, sind das monatliche Einzahlungslimit von 1.000 Euro über alle Anbieter hinweg und das Einsatzlimit von 1 Euro pro Spielrunde bei virtuellen Automaten hierzulande bereits Gesetz. Die zentrale Überwachungsdatenbank LUGAS stellt sicher, dass diese Grenzen eingehalten werden.
Deutsche Zocker sollten Plattformen ohne GGL-Lizenz (Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder) unbedingt meiden. Prognosemärkte, die wie Polymarket oft auf Krypto-Basis agieren, besitzen in Deutschland keine Erlaubnis für Sportwetten oder Casinospiele. Wer dort spielt, genießt keinen Schutz durch das deutsche Recht und läuft Gefahr, Gewinne nicht ausgezahlt zu bekommen oder in die Schuldenfalle zu tappen. Nur wer auf der offiziellen Whitelist der GGL steht, garantiert ein faires Spielumfeld.
Was das für GGL-Casinos heißt
Lizensierte Betreiber in Deutschland müssen den internationalen Trend genau beobachten. Die Kritik von Fanatics zeigt, dass lizenzierte Anbieter weltweit unter Druck stehen, ihre Spielerschutz-Systeme ständig zu verbessern, um sich vom lukrativen, aber gefährlichen Schwarzmarkt abzuheben. Für deutsche Anbieter bedeutet dies, dass technische Lösungen zur Suchtprävention und die Früherkennung von problematischem Spielverhalten wettbewerbsentscheidend werden.
Die von Sasaki geforderten Werbeverbote wie das „Whistle-to-Whistle“-Verbot, also ein Verbot von Werbung während einer Sportübertragung, sind in Deutschland teilweise schon Realität oder Gegenstand hitziger Debatten. GGL-lizenzierte Casinos müssen beweisen, dass strenger Spielerschutz langfristig das nachhaltigere Geschäftsmodell ist, auch wenn kurzfristig Umsätze an unregulierte Märkte verloren gehen könnten. Die Zusammenarbeit zwischen Behörden, Wissenschaft und Betreibern bleibt der einzige Weg, um die Kanalisierung der Spieler in legale Bahnen erfolgreich zu gestalten.
Über die Autorin

Lisa Lustich
Chefredakteurin & Casino-Testerin
Lisa Lustich testet seit 1997 deutschsprachige Online-Casinos und leitet die Redaktion von Lustich.de. Über 400 veröffentlichte Reviews, zertifizierte Spielerschutz-Beraterin (BZgA-Schulung 2019).
Alle Artikel von Lisa Lustich →Quellen & weiterführende Links
- Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL): gluecksspiel-behoerde.de
- Whitelist erlaubter Online-Anbieter: GGL-Whitelist
- BZgA Spielsucht-Hotline: 0800 1 372 700 (kostenlos, anonym, 24/7)
- Redaktionelle Methodik: Redaktionsrichtlinien Lustich.de
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